Franz Kafka „Die Verwandlung“

von Simon Kessler 11DLK

In der Belletristik gibt bereits der erste Satz den Anstoß dafür, das Interesse eines rastlosen Lesers jeglicher Gattung von Texten anzuregen und stellt den Autor somit vor die erste schwierige Aufgabe. Franz Kafkas erster Satz in seiner Erzählung „ Die Verwandlung“ in Novellenform belegte bei einem Wettbewerb „Der schönste erste Satz“ der „Initiative Deutsche Sprache“ und der „ Stiftung Lesen“ 2007 den zweiten Platz. Demzufolge erachtete man den ersten Satz Kafkas, der darüber entscheidet, ob der Leser berührt wird und sich neugierig auf das Geschehen einlässt, als einen durchaus gelungenen.

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“.

Dieser für Kafka typische lapidare Beginn beinhaltet wesentliche Informationen, die das Textverständnis des Lesers durchgehend erleichtern. Der zunächst unspektakulär wirkende Anfang des Satzes ähnelt dem eines Märchens. Alleine die ungenaue Zeitangabe „ eines Morgen“ lässt darauf schließen. Diese Tatsache stellt sich im späteren Verlauf als eine Kontroverse zu dem bitteren Realismus heraus, der die Situation des Protagonisten drastisch verändert. Der Hauptdarsteller Gregor Samsa befand sich in „unruhigen Träumen“, die normalerweise mit dem geläufigeren Ausdruck „Alpträumen“ versehen werden. Der Leser stellt unmittelbar nach dieser Textstelle Assoziationen an, woraus diese Träume bestanden haben, findet aber keine stichhaltige Bestätigung. Eine Lücke, die es zu füllen gilt. Üblicherweise sind solche „Alpträume“ nicht von Dauer und geraten ohne weitere Auswirkung auf das Leben des Betroffenen in Vergessenheit. Es ist anzunehmen, dass sich diese Träume in Kafkas „Verwandlung“ verwirklicht haben und mögliche Konsequenzen für Gregor Samsa mit sich bringen. Desweiteren „fand“ sich der Hauptdarsteller „ in seinem Bett“. Der  Schutzschirm seines Bettes, das eigentlich ein Ort der Unantastbarkeit darstellt und den Betroffenen stoisch in Sicherheit wiegt, wurde durch eine fremde Kraft außerhalb des Irdischen durchbrochen. Die Angabe, er habe sich (auf)gefunden an eben diesem grotesken Ort, konnotiert eine Abwesenheit während der Metamorphose des Protagonisten. Nach seinen Träumen allerdings fand er sich nicht in seinem gewohnten menschlichen Zustand auf, sondern „verwandelt“ zu „einem ungeheuren Ungeziefer“. Diese körperliche Veränderung, ein absurdes Geschehen, das sich normalerweise in der Fantasie des Menschen abspielt, beziehungsweise in ihren „Alpträumen“, hat sich entgegen der Wünsche und Hoffnungen des Träumenden zu seinem Nachteil bewahrheitet. Diese Fügung einer nicht immanenten Kraft kann mithilfe des Namens „Gregor Samsa“ als eine göttliche interpretiert werden, da  „Samsara“, ein Terminus der indischen Religion, verblüffende Ähnlichkeit mit „Samsa“ aufweist. Dieser Gedanke einer Fügung eines fremden Wesens oder auch der verschuldeten Existenz des Betroffenen  als auch als Resultat des Gewissens wird durch die vorherrschende Passivität bestärk, die vor allem in dem Wort „ verwandelt“ zum Ausdruck kommt.  Der Hauptdarsteller wird gerichtet, sei es für seine Taten, seine Situation, für seine Existenz.