Die Schülerakademie in Roßleben 2015 – Ein Elitecamp für Hochbegabte?

von Jonas Galm

 

Wer sich nicht von der plakativen Boulevardüberschrift hat abschrecken lassen, dem sei gesagt: keineswegs. Mit dieser Botschaft wurden wir in der – in den Sommerferien leerstehenden und für die Akademiekurse zur Verfügung gestellten - Klosterschule in Thüringen weder empfangen noch entlassen. Schon im Auswahlverfahren stand kein rationales Leistungsprofil, sondern soziale Kompetenzen im Vordergrund, was eine enorme Vielfalt an menschlichen Facetten zur Folge hatte. Vom Politikfanatiker über den Vollblutmusiker bis hin zum rationalen Schachbrettfetischisten, vom stillen Beobachter zum großen Rhetoriker, von Sportler bis Denkakrobat war nahezu jeder Typus vertreten. Der Reiz der Akademie lag in dem aufrichtigen Interesse, der Offenheit und Neugierde, die einem entgegengebracht und gleichermaßen geweckt wurde, und in der Tag für Tag erlebten Vielfalt. Wenn ich von einer angenehmen, bald vertraulichen Grundatmosphäre rede, meine ich damit nicht Respekt aus distanzierter Höflichkeit, konfliktscheues Taktgefühl und wohlerzogene manierliche Korrektheit, sondern ein echtes, authentisches Aufeinandertreffen.

 

Was blieb uns auch anderes übrig? Schon am ersten Tag ereilte uns die Erkenntnis: jetzt haben wir uns zwei Wochen an der Backe, Tag für Tag und gelegentlich bis spät in die Nacht. Eine zweiwöchige Pause von Verpflichtungen, von Erwartungen und Leistungsdruck, vom redundanten Alltagsrhythmus, der gerade in den Sommerferien gerne in einer schleppenden Müdigkeit und dem Gegenteil von Tatendrang mündet – dafür muss man nicht um die Welt reisen oder auf einer einsamen Insel stranden. Die Akademie war eine Art zeitlich beschränkter sozialer Neuanfang, gewissermaßen ein Abenteuer. Zu Beginn war man ein Fremder unter Fremden, zum Schluss waren die über hundert Teilnehmer und Kursleiter zu einer vertrauten Einheit zusammengewachsen. Natürlich kannte am Ende nicht jeder sein Gegenüber in- und auswendig, dafür hat die Zeit gefehlt, und das Naturgesetz, dass ein Mensch unmöglich mit allen anderen in Zuneigung und Einigkeit leben kann, galt auch hier - die bittere Wahrheit: auch wir waren keine perfektionierten Ableger von Jesus, Gandhi und dem Dalai Lama. Aber es wurden jede Menge Kontakte geknüpft, Fäden gesponnen, tatsächlich langfristig Freundschaften geschlossen – eine klischeehafte Cliquenbildung blieb trotzdem aus. Ich fange mit dem „Uneigentlichen“ an, mit dem Tagesablauf außerhalb der Arbeit in den Kursen. Morgens trafen wir uns im Plenum zur rhythmisierten Morgengymnastik. Zugegeben Nummer Eins auf meiner Never-To-Do-List, aber manchmal muss man Opfer bringen, um einen Zustand der Glückseligkeit zu erreichen. (Wobei es bei chronischem selbstverschuldetem Schlafmangel mit der Glückseligkeit zumindest morgens oft nicht weit her war.) Das Nachmittag- und Abendprogramm, von den gemeinsamen Essenszeiten abgesehen, stand uns vollkommen frei. Die Teilnehmer wurden animiert, eigenständig Beschäftigungen anzubieten, und das taten wir. Es entstanden eine  Big Band, eine Improvisationsgruppe, besetzt mit Klavier, Geige, Gitarre und Cajon, eine klassisch besetzte Band, die den Beatles- und ein Gitarrenduo, das Simon & Garfunkel Konkurrenz gemacht hätte, sowie ein Chor und ein Orchester, letztere unter Leitung und Aufsicht einer studierten Musikerin. Die Muse kam nicht zu kurz. Eine Impro-Theatergruppe kam ebenfalls zustande, ein Poetry Slam wurde veranstaltet, einige wenige unermüdliche trafen sich morgens um halb sechs zum Joggen, Yoga, Tanzen, ein Vortrag über Kartoffeln(!), Schach- und Skatturniere, der Rest schlug sich anderweitig die Zeit um die Ohren. Mit Sicherheit litt niemand an Beschäftigungsmangel – und zwar altersgemäß. Mit den berüchtigten, pseudohippen Jugendfreizeitanimateurtorturen, mag dieses Wort auch nicht im Duden stehen, hatte der Aufenthalt in Roßleben nichts zu tun.

 

Drei spezielle, von der Obrigkeit angeordnete Veranstaltungen sorgten dafür, dass der obligatorische Bildungsauftrag erfüllt wurde: Zum einen wurden Ausflüge nach Leipzig und Weimar, samt KZ-Besichtigung, angeboten (aus mir bis heute nicht ersichtlichen Gründen bin ich in der Wandergruppe, bei der das Verlaufen im Thüringer Dickicht vorprogrammiert war, gelandet. Und das bei einer, vorsichtig ausgedrückt, Affenhitze). Nach der Hälfte der Akademiezeit fand ein Rotationstag statt, in dem jeder der sechs Kurse den unwissenden Laien großzügig Einblick in sein neu gewonnenes Wissen gewährte. In der letzten Woche wurde zum Tag der Zukunft geladen: die Kursleiter, ehemalige Studenten von Jura über Mathematik, Geschichte und Wirtschaftspsychologie bis hin zum abgebrochenen Studium der Philosophie referierten über ihre Erfahrungen und standen für ihre potentiellen Nachfolger Rede und Antwort. Zwei gescheiterte Studenten sind heute erfolgreiche Kabarettisten und boten einen Diskurs zum Thema „Wie man Künstler wird“ an. Obwohl mich dieses Versprechen am meisten lockte, verbrachte ich einen Großteil des Abends an anderen eckigen Tischen. Der Grund war, dass ich erwähnte Kabarettisten bereits gut kannte und auf meine Fragen ausführliche Antworten erhalten hatte. Tilman und Martin waren die Leiter des Kurses, für den ich mich bei der Anmeldung entschieden hatte. Er trug den Titel „Schlafen Sie gut, Herr Tucholsky – Kabarett in fünf Staatsformen“ und hielt, was er versprach. Der Kabarettkurs hatte eine Besonderheit zu bieten. Er sah eine professionelle Aufführung, bestehend aus selbstgeschriebenen Sketchen und Conférences, am Ende der Akademie vor. Die wissenschaftliche, historisch fundierte Arbeit und das kreative Schaffen hielten sich also die Waage. Nachdem die Teilnehmer sich gegenseitig die Rolle des Kabaretts von einer Kneipenchose hin zur Mitte der Gesellschaft bzw. vom Kaiserreich bis ins 21. Jahrhundert eingeprügelt (verbal, wir hatten entsprechende Referate vorbereitet) und sich dann mit sehr ernsten Abhandlungen über den Humor befasst hatten, sollte das theoretisch Erlernte in die Praxis umgesetzt werden. Meistens paarweise wurden uns gemeinsam erarbeitete Themenfelder zugeteilt, zu denen wir dann mal eben was Lustiges schreiben sollten. Es entstanden nebst maßlos überfütterten Künstleregos ein gutes Dutzend zwerchfellpenetrierende Geniestreiche von gottgleicher Raffinesse und einem beneidenswerten Weitblick, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Der scharfsinnige Titel unseres Programms lautete nach erbitterten Grundsatzdebatten „Die Roßleber Trantüten präsentieren - ISIS schon so weit?“ und war eine geistige Fingerübung für uns, aber ein intellektueller Durchbruch für die Menschheit. Wir versahen tagespolitische wie elementare Themen mit unserem rhetorischen Qualitätssenf, weder die Europäische Union, noch Griechenland, noch die NSA, die FDP oder RTL, noch PEGIDA und Konsorten, noch die Homo-Ehe oder die Flüchtlingskrise waren sicher vor unserem spöttisch-kritisch-verzerrenden Schmelztiegel sicher, gespickt mit einer Portion gesundem Menschenverstand.

 

Wir hatten Spaß, beim Entstehungsprozess und bei der Aufführung. Das Publikum schien ebenfalls nicht abgeneigt. Ende Januar werden wir mit dem Programm im Rahmen eines Kabarettfestivals in Cottbus auftreten, mir selbst hat die Akademie bereits einen (kleinen) Auftritt als Zusatzgast in der Distel in Berlin eingebracht. Dass es sich lohnen kann, eine solche Chance zu nutzen und sich um einen Platz an einer der in ganz Deutschland verteilten Schülerakademien zu bewerben, steht, wie ich finde, außer Frage. So breitgetreten und durchgekaut das klingen mag, ich habe menschlich eine Menge gelernt und unzählbare positive Momente mitgenommen. Die zweieinhalb Augustwochen haben meine Sicht auf gewisse Sachverhalte verändert, meine Bereitschaft, verschiedenen Blickwinkeln Raum zu geben, gestärkt, einen – hinterfragenden - Blick für alles Komische, Absurde geschaffen und geschärft, und nicht zuletzt haben sie durch die anhaltenden Bekanntschaften, die ich machen durfte, auch heute noch einen prägenden Einfluss auf mein Leben.