„Es war nicht alles schlecht in der DDR…“ ? – Für Günther Rehbein (82) aus Gera, Zeitzeuge und Opfer des DDR-Regimes, sind derartige Pauschalisierungen blanker Zynismus

von Michael Loth

Landstuhl. 09.November 2015. 

 

In der Aula des Sickingen-Gymnasiums hören über 200 Schülerinnen und Schüler der Oberstufenkurse MSS 12 und 13 den Vortrag Günther Rehbeins. Ergriffen folgen sie jedem seiner Worte. Rehbein schildert die Stationen seines Lebens unter der DDR-Diktatur.  Sein Leben hat er bis zum Fall der Mauer heute vor 25 Jahren als Staatsfeind überwiegend  in Gefängnissen der DDR und der Sowjetunion verbracht. Und das zunächst nur, weil er als politisch denkender Mensch 1952 seine Meinung geäußert hat: „Warum müssen die Menschen in der DDR sich mit Lebensmittelkarten aus einem begrenzten Nahrungsmittelangebot versorgen, während im Westen in der BRD eine unbegrenzte Menge an Waren mit Geld gekauft werden kann?!“ Auf diese Kritik folgen Haft, Verhöre, Demütigungen und Folter. Vor  jedem Verhör wird Rehbein in einen Käfig gepfercht: 1 Quadratmeter groß, 60cm hoch - wie ein wildes Tier. Danach Befragungen auf Russisch, Rehbein versteht kein Wort, weigert sich, die einzelnen Anklagepunkte zu unterschreiben, fordert einen Dolmetscher. Den Erhält er auch nach Wochen, doch die erste Erfahrung: Der linientreue Übersetzer schlägt ihn mit dem Ellbogen ins Gesicht, fährt ihn an. „Du Verräter! Du denkst doch etwa nicht, dass ich deine Antworten korrekt übersetze!“ Das Urteil stand sowieso bereits fest, so Rehbein vor den entsetzten Schülern.  Doch damit nicht genug. Erschreckender Höhepunkt seiner Verhöre: Als Rehbein sich völlig entkräftet mit seiner Hand auf den Tisch des Kommissars, der das Verhör leitet, stützt,  hackt dieser ihm mit seinem Messer die Daumenkuppe ab.  Es folgen Jahre der Tortur im Gulag Workuta im Polarkreis, einer Gegend, in der neun Monate lang Winter herrscht: „Vernichtung durch Arbeit“, kommentiert Rehbein. Doch es kommt noch schlimmer: Nach Stalins Tod 1953 gelingt es Konrad Adenauer nach längerem Zögern im Jahr 1955 in Russland inhaftierten Deutsche, darunter auch viele Kriegsgefangene, zu befreien. Rehbein erklärt den Schülerinnen und Schülern: „Adenauer verdanke ich mein Leben! Ohne ihn stünde ich heute nicht vor euch!“ Doch zu Hause wartet der nächste Schlag auf Rehbein: Seine Frau hat einen anderen, seine Tochter musste zur Adoption freigegeben werden. Von nun an steht Rehbein unter ständiger staatlicher Überwachung. Schließlich spricht ihn in den 1960er-Jahren abends nach einer Feier ein Unbekannter im Anzug mit Parteinadel am Kragen auf der Straße an: „Was, du lebst noch? Du hast den Gulag überlebt? Ich habe dafür gesorgt, dass du dorthin gekommen bist, pass also bloß auf, was du künftig tust!“ Rehbein brennen jetzt alle Sicherungen durch: Er packt den Stasi-Spitzel und reißt ihm die Parteinadel vom Revers: „Sag deinen Namen, du Lump, du Feigling!“ Wenig später wird Rehbein verhaftet, diesmal, wie er selbst sagt,  zurecht, doch er war sich der Folgen seines Angriffs völlig bewusst.  Das Regime sperrt ihn nach Bautzen, bietet ihm regelmäßig vorzeitige Entlassung an, falls er in die Partei eintritt. „Das habe ich stets verweigert, die Achtung vor mir selbst hat mir das untersagt.“

Nach dem Fall der Mauer engagiert sich Rehbein in der historischen Aufarbeitung des  DDR-Regimes, hält Vorträge als Zeitzeuge, konfrontiert Politiker mit der noch immer lückenhaften Aufarbeitung des erlebten Terrors. Vor allem erschrecken ihn Sätze wie zuletzt  im Rahmen der offiziellen Feier zur deutschen Einheit in Erfurt. Dort äußerste ein Politiker, nach 25 Jahren deutscher Einheit müsse doch nun endlich mal Schluss sein mit dem ständigen Aufarbeiten der DDR-Geschichte.“ Doch nicht für Günther Rehbein! Zumal sich auch ein Lichtblick gezeigt hat: 2010 erhält er einen Anruf aus Karlsruhe, am Telefon spricht eine Frauenstimme: „Hallo, ich habe dich gestern im Fernsehen als Gast einer politischen Talkrunde gesehen. Ich bin deine Tochter und möchte dich unbedingt kennenlernen!“

Literatur: Rehbein, Günther: Gulag und Genossen. Aufzeichnungen eines Überlebenden. Jena u.a. 62013.