Anschauliche Geschichtsstunde

Von Claudia Gross

 

Landstuhl: Schüler des Sickingen-Gymnasiums diskutieren 80 Jahre nach seiner Entstehung über den Film „Hitlerjunge Quex“

Ein gemütlicher Vormittag mit bewegten Bildern wird es nicht, als in der vergangenen Woche das Licht in der Aula des Sickingen-Gymnasiums aus- und der Filmprojektor angeht. Gezeigt wird der Propagandafilm „Hitlerjunge Quex“. Anschließend diskutieren die Zehnt- und Zwölftklässler über das Gesehene.Etwa 200 Schüler der zehnten und zwölften Klassen drängen in die Aula des Sickingen-Gymnasiums, denn die Fachschaft Geschichte, unter Leitung der Lehrer Michael Loth und Björn Freudenberger, lädt zum dritten Mal zur Reihe „Der Nationalsozialistische Propagandafilm“ ein. Begleitend zum Film spricht Filmwissenschaftler Horst Walther vom Institut für Kino und Filmkultur Wiesbaden (IKF) über die damalige Zeit und regt zur Diskussion an. Er hat bereits bei den Spezialvorstellungen der vorangegangenen Jahre mit der Landstuhler Schule zusammengearbeitet.„Wir haben im ersten Jahr ,Jud Süß’ gesehen und im zweiten ,Kolberg’“, erzählt der Initiator der Filmreihe, Michael Loth. In diesem Jahr fiel die Wahl auf „Hitlerjunge Quex. Ein Film zum Opfergeist der deutschen Jugend“. Dazu erklärt der Filmwissenschaftler: „Der Film ist 1933 in die Kinos gekommen. Der Regisseur Hans Steinhoff war überzeugter Nazi. Die Patronage für den Film übernahm der Reichsjugendminister Baldur von Schirach, der auch den Text für das immer wiederkehrende Lied geschrieben hat. Mit dem Film sollte die Jugend gewonnen werden.“ Entscheidend aber ist, dass es zu der Zeit, als der Film ausgestrahlt wurde, bereits keine Wahl mehr gab, ob man in die nationalsozialistischen Jugendorganisationen eintreten wollte. Walther erklärt: „Der Film tut so, als müsse man noch argumentieren, obwohl es schon den Zwang gab, in die Organisationen eintreten zu müssen.“

Die Handlung des Films ist schnell erzählt: Heini Völker alias Quex soll nach dem Willen seines Vaters Mitglied bei der Jugendgruppe der Kommunisten werden, er selbst aber möchte zur Hitlerjugend (HJ). Da er der HJ einen Anschlag der Kommunisten verrät, wird er schließlich von letzteren ermordet.

Der Auftrag des Filmwissenschaftlers an die Schüler lautet: „Welche Ästhetik wird benutzt, um die Attraktivität der einen Gruppe hervorzuheben und wie sieht die Alternative aus?“ Bianca Michel, Michelle Heinz, Jens Novagk und Niklas Küntzler sehen deshalb den Film nicht wie einen Unterhaltungsfilm im Kino, sondern mit einer inneren Abstandshaltung. Er ist Unterrichtsmaterial, das man analysieren muss. Niklas Küntzler (10. Klasse) stellt fest: „Die Schauspieler, die Kommunisten und Nazis darstellen, schauspielern verschieden gut. Am Anfang waren die Kommunisten besser und dann nach und nach wurden die Nazis immer besser. Ich frage mich, ob das zum Konzept gehört?“

Die von Walther im Vorfeld erwähnte „Emotionalisierung des Films“ stellt den unerträglich naiven und aufopferungsvollen Quex als Sympathieträger dar. Bianca Michel (12. Klasse) analysiert: „Er ist nett zu der Mutter, sieht gut aus und vor allem verhält er sich loyal, als er die Hitlerjugend vor dem Anschlag warnt.“ Aufklärung über Propaganda findet sie sehr wichtig. Jens Novagk (10. Klasse) stimmt ihr zu, dass seine Schule sehr engagiert ist, weil sie solche Filme zeigt. Und Michelle Heinz (10. Klasse) weist darauf hin: „Man hört immer so viel darüber, was im Nationalsozialismus passiert ist, aber hier sieht man an einem Originaldokument, wie die Propaganda gemacht haben.“ Und die Jugendlichen sind sich in noch einem einig: Sie finden das begleitete Sehen solcher Vorbehaltsfilme absolut richtig.

 

Den Artikel aus der Rheinpfalz (Marktplatz Regional) vom 24.04.2013 als PDF sehen Sie hier!