"Nur noch einmal die Sonne sehen..."

„Nur noch einmal die Sonne sehen…“

Auschwitz Überlebende zu Gast im Sickingen-Gymnasium

 

Als die Kaiserslautererin Erna de Vries diesen Wunsch äußert, scheint bereits alle Hoffnung verloren. Auf dem Boden des Todesblocks 25 in Auschwitz-Birkenau muss die 19-jährige Jüdin die Nacht verbringen in der sicheren Gewissheit, am nächsten Tag ermordet zu werden. Um sie herum herrscht Chaos. Frauen heulen und raufen sich die Haare. SS-Wächter brüllen und prügeln die Häftlinge auf Lastwagen. Es geht in die Gaskammer.  

In der Aula des Sickingen-Gymnasiums herrscht angespannte Stille. Die Schülerinnen und Schüler folgen fassungslos dem eindrucksvollen Dokumentarfilm über die Lebensgeschichte der heute 84-Jährigen, den Geschichtsstudenten der Universität Münster im Rahmen des Projekts „Zeitlupe e.V.“ produziert haben. Der Film berichtet von ersten Einschüchterungen und Übergriffen in ihrer Kindheit in Kaiserslautern, wie sie während der Pogromnacht 1938 an das Grab ihres Vaters flüchtete, bis hin zur Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz. Wie ein Wunder überlebt sie. In letzter Minute wird sie aus der Menge der für die Gaskammer bestimmten Häftlinge herausgeholt und in das Konzentrationslager nach Ravensbrück gebracht. Da ihr Vater evangelisch war, wird sie als sogenannter „Mischling“ eingeordnet, was ihr das Leben rettet. Die Anspannung der Schüler legt sich ein wenig. Was sonst nur distanziert an Fakten in Geschichtsbüchern zu lesen ist, gewinnt durch die Zeitzeugin Erna de Vries ein Gesicht. Ihre Mutter, erzählt sie in der sich anschließenden Gesprächsrunde, habe ihr beim Abschied die letzten Worte mit auf den Weg gegebenen, die sie ihr ganzes Leben lang begleiten: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“