Unendlich viele Geschichten zu erzählen

von Lisa-Marie Elbert

Es gibt vieles was einem heutzutage wichtig sein kann. Freunde, Familie, Schule, Kariere, Aussichten auf die Zukunft und ein Rückblick in die Vergangenheit, die die Zukunft gerade erst möglich macht. Doch für mich ist etwas wichtig, was all diese Dinge für mich zusammenbindet. Es scheint vielleicht erst nur wie ein Hobby für alle anderen, doch für mich ist es mehr als das. Wovon ich rede, ist das Zeichnen. Jedes Mal, wenn ich jemandem, den ich gerade erst kennen gelernt habe, erzähle, dass ich zeichne, bekomme ich aufs Erste einen abschätzenden Blick zugeworfen. Einen Blick, den ich schon erwarte, denn Zeichnen verbindet man mit Kunst und Kunst hat keinen besonders guten Ruf, wenn es um eine bodenständige Zukunft geht. Denn sobald ich in das Gespräch einfließen lasse, dass ich das irgendwann auch gerne zu meinem Beruf machen würde, werden die Blicke kritisch. "Wie gut kann sie zeichnen", "Damit kann man doch kein Leben finanzieren" "Noch einmal jung sein und Träume haben, das wird doch nie etwas". Ich verstehe, was diese Leute dazu veranlasst, solche Gedanken zu haben, aber sie verstehen nicht, was ich sehe, wenn ich an Zeichnen denke. Ich sehe keine kleinen Figuren auf Papier, ich sehe eine weiße Fläche, auf der sich Tausende von Geschichten erzählen lassen. Eine Art, mich mitzuteilen und Geschichten zu erzählen, sie aber auch gleichzeitig visuell umzusetzen und Menschen zu zeigen, wie genau ich mir das vorstelle. Geschichten erzählen und Leute in einen Bann zu ziehen, nicht nur mit der Handlung, sondern auch mit den Bildern. Oder Bilder, die ohne eine Geschichte erzählen zu müssen, eine Geschichte erzählen. Doch Zeichnen bietet nicht nur die Kommunikation durch Bilder, sondern auch den Ort, an den ich mich zurückziehe, wenn das Leben mir etwas zu real und hässlich wird. Dann würde ich am liebsten für Tage, Wochen, Monate in meiner weißen Leinwand verschwinden und mir selbst Geschichten erzählen, um mich abzulenken, zu trösten, das Schicksal der Charaktere in die Hände nehmen, die ich erschaffe. Oder auch einfach nur drauflos zu zeichnen, ein Motiv kreieren, welches mich einfach nur glücklich macht. Am liebsten nie wieder nach oben schauen und für immer in dieser heilen Welt verweilen, die auf ihre eigene Art ganz grausam ist. Und ich träume. Ich träume von diesen Welten, in denen ich die Normen bestimme und ich träume davon dass das meine Zukunft ist. Meine Zukunft ist in einer Welt, in der ich davon leben kann, Meine eigenen Welten und Regeln zu erschaffen. Zeichnen verbindet für mich alle diese anfangs genannten Wertvorstellungen, die andere Menschen glücklich machen. Ich kann von keiner dieser Kategorien behaupten, dass es nicht mindestens einmal darin vorkommt oder vorkam. Und es ist erstaunlich, wie glücklich mich so etwas Simples wie ein Block und ein Stift machen können. Und dazu soll noch gesagt sein, dass es auch nicht auf den Stil ankommt. Ob ich nun realistisch zeichne, Comic, surreal oder Manga, es hängt nicht davon ab welcher Stil meine Gedanken ausdrückt. Nur weil die Zeichnungen nicht der Realität entsprechen, macht sie das nicht weniger ernst, nicht weniger bedeutungsvoll oder aussagekräftig. Immerhin hat das Verändern von Realitäten auf dem Papier doch auch etwas mit Wünschen und Träumen zu tun.

 

Zeichnung und Text: Lisa-Marie Elbert (MSS 11)

Philosophie-Projekt - Projektwoche 2014

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