Winnetou bebt!

von René Schuppert

Hier sitze ich nun auf jordanischer Seite am Toten Meer. Es ist der 23.5.2015. Vor genau zwei Wochen stand ich an zwei Abenden auf der Bühne an meiner alten Schule. Was für eine verrückte Welt.

Doch zurück zum Anfang. Es war irgendwann im Jahre 2014, als die Idee aufkam, das allererste Stück der Musical AG des Sickingen Gymnasiums Landstuhl nach exakt 25 Jahren erneut aufzuführen. Der Anlass: der Ruhestand von Franz Wild. Das Konzept: So viele ehemalige AG Mitglieder wie möglich auf zu aktivieren und ein wahres Revival zu veranstalten – völlig verrückt. Klang also zuerst einmal gut. Doch dann kam die Lebenswirklichkeit der Leute ins Spiel. Wer hat Zeit, Lust und die Möglichkeit an vereinbarten Terminen zum Proben und zu den Aufführungen in Landstuhl zu sein? Und wer hat den Mut (oder ist verrückt genug) sich nach nur drei Probenwochenenden auf der Bühne zu etablieren – oder gar zu blamieren? Es fanden sich einige; ganz alte Hasen (die Jugendsprache drückte das an einem der Aufführungsabende anders aus, dazu später) und jüngeres Gemüse. Die Texte waren ja da, die Textsicherheit war da eher eine Komponente die – wie sagt es die Wirtschaft so schön – ‚Just-in-Time‘ geliefert wurde. Es wurde ein wenig geändert und gebastelt, per neumodischen Kanälen kommuniziert, eruiert und koordiniert und so erstand Winnetou wie ein Phönix aus der Asche, die während der 25 Jahre Ruhezeit auf sein Haupt rieselte. Es folgt nun ein Zeitsprung.

Wir schreiben Mai 2015.

Je älter man wird, desto eher erkennt man wie schnell die Zeit vergeht, besonders wenn es eine Woche vor einer Premiere ist und am letzten Probenwochenende noch alle alten Hasen im Halbkreis auf der Bühne stehen und die Textbücher unsicher vorlesen. ‚Sag mal, hast du dir überhaupt schon mal deinen Text durchgelesen?‘ ‚Ich könnte ja jetzt ja sagen…‘ ist ein Zitat, das relativ klar macht, was ein impliziertes ‚Nein‘ nicht auszudrücken vermögen würde. Wie sollte man das schaffen? Alle Darsteller fühlten sich an ihre mehr oder weniger lange zurückliegende Schulzeit – und vor allem Theaterzeit – zurückerinnert. Eine Zeit die zwischen 0 und 25 Jahren zurückliegt. Irgendwie hat es doch immer geklappt. Und irgendwie gab es immer Generationskonflikte. Nun halt eben im größeren Rahmen. Für alle Ehemaligen war es sehr tröstlich zu sehen, dass auch die reine Schülergruppe, die das gleiche Stück ebenfalls aufführte unter ähnlichen Umständen litt wie wir, die Vergangenheit. Danke dafür nochmal von meiner Seite! Um nochmal auf den Generationenkonflikt zurück zu kommen: er war schlichtweg unmerklich. Lediglich bei kleinen Intermezzi wie Fragen nach dem Alter (‚Du musst Uralt sein‘-‚wie alt denkst du denn‘-‚ja so über 30‘) und anderen Dingen realisierte der Routinier, dass die Zukunft schon übernommen hat. Es ist ja immerhin eine Schule, was haben wir auch erwartet. Erneuter Zeitsprung.

Premiere. ‚Shit‘ dachte ich, die Schülerpremiere lief ja verdammt gut. Die Latte hängt hoch. Wie soll das nur klappen, wo auch die samstägliche Generalprobe 4 Stunden vor Aufführung eher rudimentäre Textkenntnisse zu Tage brachte als Textsicherheit in allen Lebenslagen. Aber darin liegt das Geheimnis. Generalprobe erschreckend, Adrenalinspiegel hoch, Premiere gelungen. Ich gebe zu, der Text war auch abends alles andere als perfekt, aber er lief. Dies lag auch daran, dass die Souffleuse von der Bühnenseite an eine prominentere Position versetzt wurde, also mitten vor die Bühne (auf der Bühne hätte wahrscheinlich übertrieben ausgesehen). Die Tatsache, dass das Publikum ob des fortgeschrittenen Alters der Teilnehmer scheinbar nachsichtig war hat sicher auch nicht geschadet. Wenn ein EKG Gerät angeschlossen gewesen wäre hätte man wahrscheinlich erstmals in der Geschichte der Menschheit Steine von Herzen fallen hören können. Es war eine Freude zu spielen, nicht weniger weil das Publikum mitgerissen mitklatschte, lachte und zuweilen summte, vielleicht sogar sang (die Unterschiede in der Textkenntnis zwischen Publikum und Darstellern konnten höchstens marginal sein). Für die Zeit der Aufführungen(die glücklicherweise alle gut liefen) war es meinerseits so, dass der Altersunterschied nicht auffiel. Wie erwachsen kann denn jemand sein, der sich auf der Bühne preisgibt, noch Cowboy und Indianer spielt und/oder sich mit Sprühsahne am Marterpfahl quälen lässt. Viel besser kam allerdings zum Vorschein wie gering doch der Altersunterschied ist, als alle Darsteller die wollten, zur Feier des Tages gemeinsam den Abend mit altersgemäßen Getränken den Abschluss besiegelten. Hier war es dann auch vorbei mit dem Raten vom Alter oder anderen Unterschieden. Es waren alle dabei und alle haben gefeiert. So war es und so wird es mir in Erinnerung bleiben.

Alles in Allem ein gelungenes Projekt. Es bleibt mir nur zu sagen: wir sehen uns wieder, ach was sag ich: wir müssen uns wiedersehen. Lasst uns ein Fest feiern – ein Grillfest! Auf die nächste Auferstehung von Winnetou. Ich ziehe mir jetzt meinen Strohhut auf und lege mich in die Salzlake ein, die hier am Ende des Jordan in der Sonne glitzert.Es ist der Hut, den im 1. Akt Hop Sin trug. Ach, die gute alte Zeit. Hugh, ich habe geschrieben.

 

(Der ehemalige Schüler des SGL René Schuppert ist als Ausbilder der Lufthansa weltweit unterwegs.)