Das Logo des Sickingen-Gymnasiums. Dunkelblaues Quadrat mit weißem Schriftzug des Schulnamens in der linken oberen Ecke. Silhouette der Burg Nanstein im Anschnitt unten rechts.

Die Entwicklung des Bildungsbegriffs in den letzten 150 Jahren

Das Abitur von der klassischen Bildung zum Kompetenzerwerb in Zeiten von ChatGPT — 21.03.2024

von Achim Jung
150 Jahre nach der Gründung der Schule haben in diesem Schuljahr 56 Schülerinnen und Schüler ihr Abitur am SGL erfolgreich abgeschlossen. Sie verfügen damit über den höchsten deutschen Schulabschluss, die Allgemeine Hochschulreife, die ihnen bescheinigt, dass sie sich im Verlauf ihrer Schulzeit so viel Bildung angeeignet haben, dass sie nunmehr dazu berechtigt sind, ein wissenschaftliches Studium an einer Universität aufzunehmen. Dabei hat sich das, was man unter dem Begriff „Bildung“ im Verlauf der Zeit verstanden hat, immer wieder verändert.
Als das Sickingen-Gymnasium Landstuhl im Jahr 1873 gegründet wurde, hatten die weitaus meisten Kinder keinerlei Aussicht, in eine weiterführende Schule zu gehen, am wenigsten die Mädchen. Töchter aus gehobenem Haus konnten zwar spezielle Höhere Mädchenschulen besuchen, der Zugang zu einem Studium war ihnen aber noch verwehrt. Lise Meitner, die durch ihre Forschungen wesentliche Grundlagen der Kernphysik erarbeitet hat, war zum Beispiel 1906 erst die zweite Frau im deutschsprachigen Raum, die in Physik in Wien promovieren konnte. Sie wurde wegen ihrer nicht geduldeten und nicht anerkannten wissenschaftlichen Leistungen und weil sie Jüdin war 1938 aus Deutschland vertrieben.
Frauen war der soziale Aufstieg durch Bildung im 19. Jahrhundert also verwehrt, während sie für Männer zusätzlich zur Herkunft und zum Vermögen als wesentliche Begründung der gesellschaftlichen Position und sozialer Ansprüche zum Erben und zur Standesehre hinzukam. Die soziale Stellung und die Lebensperspektiven wurden jedoch immer noch weitgehend durch Herkunft und Erbschaft bestimmt, doch war der Nachweis eines gehobenen Bildungsstandes durch Abitur und Studium eine immer notwendiger werdende zusätzliche Legitimation für aufgrund von Erbschaft und erworbenem Reichtum erhobene soziale Geltungsansprüche. Der Unterricht war 1873 daher nicht lebens- und praxisbezogen, sondern vor allem durch klassische Bildungsvorstellungen und das Erlernen der klassischen Sprachen bestimmt. Das SGL war denn auch am Anfang eine Lateinschule und es war ein Progymnasium, das nach sechs Jahren mit dem Ende der Mittelstufe abschloss. Danach war ein Wechsel auf ein Gymnasium notwendig, um das Abitur ablegen zu können.
In Frankreich und Deutschland hatte sich im 18. Jahrhundert ein durch die Philosophie der Aufklärung bestimmter sehr umfassender Begriff von Bildung entwickelt. Bildung bedeutet etwa für Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe nicht die Vorbereitung auf einen Beruf oder bestimmte praktische Aufgaben im Leben, sondern die Entwicklung der Person als Ganzes, als Mensch, die selbstbildende Ausformung der Persönlichkeit und des Charakters in der Auseinandersetzung mit der Literatur, der Philosophie, den Wissenschaften und vor allem mit den Menschen und der Welt. Immanuel Kant erklärt denn auch das Reisen zu einem wesentlichen und unverzichtbaren Teil des Bildungsprozesses. Ziel der Bildung soll das autonome selbstdenkende Individuum sein, das über eine freie Urteilskraft und eine weltoffene Haltung verfügt. Auch wenn eine solche umfassende Bildung den allermeisten Kindern im 19. Jahrhundert nicht zugänglich war, war sie doch eine wirkmächtige Idee, die als Ideal angesehen wurde, ohne dass man zunächst anstrebte, dieses wirklich allgemein zu realisieren.
Im Gründungsjahr des Landstuhler Gymnasiums war die Industrialisierung Deutschlands und die Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems in vollem Gang. Es entstand bereits eine Konsumgesellschaft, in den Großstädten wurden schon bald die ersten großen Kaufhäuser eröffnet. Schon damals stellten Vertreter der Wirtschaft Forderungen nach einer gezielten schulischen Ausbildung von geeigneten und qualifizierten Arbeitskräften. Der klassische Bildungsbegriff geriet in die Kritik. Lernen bedeutete trotzdem noch lange das Pauken von Lektionen und pures Auswendiglernen, da der Zugang zur Bildung weitgehend nicht von der Begabung, sondern von der Herkunft abhing.
Zwischen den Gebildeten und den Arbeitenden, die oft kaum lesen und schreiben konnten, bestand eine große, unüberwindbare Kluft. Selbstdenken und eigenes Urteilen waren im deutschen Obrigkeitsstaat kaum gefragt. Im Kaiserreich hatte der aufklärerische Bildungsbegriff Goethes und Kants kaum Einfluss auf die Lehrpläne. Allein die sehr wirkmächtige aufklärerische Idee der Selbstbildung führte dazu, dass sich nicht wenige Menschen als Autodidakten selbst um ihre Bildung kümmerten.
Bis zur Weimarer Republik bestand jedoch die Mehrheit der Deutschen faktisch aus funktionalen Analphabeten. Dann gab es zwar in den zwanziger Jahren eine sehr fortschrittliche Schulpolitik, die aber 1930 zuerst in Thüringen mit dem Wahlsieg der Nationalsozialisten und dann 1933 in ganz Deutschland wieder ein Ende fand. Vor allem war während der Weimarer Republik in ganz Deutschland die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden. An deren Ende verließen jedoch die meisten Kinder nach der 8. Klasse die Schule und begannen oft eine Lehre, arbeiteten in der Landwirtschaft oder als Ungelernte in einer Fabrik. Oft mussten auch Mädchen und Frauen mit der Erlaubnis eines männlichen Vormunds schon in sehr jungen Jahren arbeiten, aber für die meisten Frauen blieb dann die Heirat als einzige Möglichkeit zur materiellen Sicherung des Lebensunterhalts. Die Schüler des Landstuhler Gymnasiums waren in dieser Zeit also Privilegierte, die Aussicht auf den Besuch eines Gymnasiums und eine berufliche Karriere hatten.
Im Dritten Reich war dann der aufklärerische Bildungsbegriff ganz verpönt und verboten. Da Bildung für das nationalsozialistische Regime einen geringeren Stellenwert hatte, wurde die Schulzeit bis zum Abitur im Jahr 1937 auf 12 Jahre verkürzt. 1943 wurde dann sogar die allgemeine Schulpflicht auf sieben Jahre verringert. Denn es sollte in der Schule nicht um Bildung und Leistung gehen, sondern wesentlich um biologische Anlagen und bereits durch Vererbung erlangtes Wissen und Fähigkeiten und nicht um Selbstdenken und die Entwicklung von selbstständigen Persönlichkeiten. "Rassenkunde" war ein reguläres Schulfach. Der Intellekt und die Intelligenz galten als negative „jüdische“ Eigenschaft, wichtiger waren Unterordnung, Anpassung und „Gleichschaltung“, Leistungen im Sportunterricht und die Erhaltung der „Erbgesundheit“. Denn diese sah man auch durch freiheitliche Ideen und einen individualistischen Lebenswandel gefährdet. Für das Leben wichtiger als das Abitur war nun der sogenannte "Ariernachweis" über die eigene Reinrassigkeit, der nur mithilfe von Nachforschungen in Kirchenbüchern zu erbringen war, um dort herauszufinden und sich dann bescheinigen zu lassen, welche Religionszugehörigkeit die Vorfahren hatten bzw. ob sich dort zum Christentum konvertierte Juden finden ließen oder nicht. Der Ariernachweis galt neben dem Abitur als gleichwertige, wenn nicht gar unerlässliche Legitimation für höhere soziale Geltungsansprüche genauso wie bei Stellenbewerbungen. Die "Rasse", der beim Menschen keine wissenschaftlich nachweisbare Realität entspricht und die als Begriff nichts anderes als ein direktes Produkt von Rassismus ist, sollte eine neue Form erblichen völkischen Adels und deutschen Herrenmenschentums begründen. 1938 wurde in Landstuhl der Grundstein für eine Adolf-Hitler-Schule gelegt, einem Internat, in dem dann die zukünftige (männliche) Elite aus der sogenannten „Westmark“ unterrichtet wurde. Weil nicht alle „Arier“ den üblichen schulischen und universitären Anforderungen genügten, wurde sogar eine „deutsche“ Mathematik und eine „deutsche“ Physik entwickelt, die leichter verständlich und nicht so kompliziert, „jüdisch" und „entartet“ sein sollten wie die moderne Physik und Mathematik. Nach dem Krieg übernahm das amerikanische Krankenhaus die Kasernen und Einrichtungen dieser Schule.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die furchtbaren Folgen dieses absurden biologistisch begründeten Verständnisses von „nationalsozialistischer Bildung“ zu einem gründlichen Überdenken der Zielsetzungen schulischer und akademische Bildung und der sie leitenden Wertvorstellungen und Prinzipien geführt. Immerhin verfügten zum Beispiel die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz, die 1942 die systematische und planmäßige Ermordung von mehr als 11 Millionen Juden beschlossen hatten, fast alle über einen akademischen Doktortitel und hatten sowohl ein Gymnasium als auch ein Studium an einer deutschen Universität erfolgreich durchlaufen. Eine wichtige Erkenntnis hiervon war, dass die Wissenschaften für sich genommen gar nichts zur Bildung beitragen, sondern dass erst eine humane, demokratische und wertorientierte Bildung die Voraussetzung für eine sinnvolle und menschliche Beschäftigung mit den Wissenschaften ist.
In den Schulreformen der siebziger Jahre, aus denen auch die heutige MSS hervorgegangen ist, ging es denn auch darum, eine umfassende Bildung der Schülerinnen und Schüler zu erreichen, indem sie durch selbstständiges Arbeiten und durch moderne, die Eigenverantwortung fördernde Unterrichtsformen, dazu angehalten wurden, sich Wissen und Kenntnisse selbst anzueignen. Die Schulen sollten auch demokratischer werden: Es gibt seither eine Schülervertretung (SV) und das Gebot, eine Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler an der Gestaltung des Unterrichts zu ermöglichen. Durch die Einführung von Schüler- und von Studierenden-Bafög wurde allen Kindern auch materiell die Aussicht eröffnet, unabhängig von ihrer Herkunft einen Zugang zu weiterführenden Schulen und zur Universität zu bekommen.
Dem Unterricht lag ein konstruktivistischer Bildungsbegriff zugrunde, nach dem der Unterricht durch „offene Lernsituationen“ bestimmt sein sollte, in denen die Schülerinnen und Schüler sich alles selbst erarbeiten, ohne dass das zu Lernende einfach nur vorgegeben oder erklärt würde. Vielmehr geht es nun darum, sich mit der Klasse Unterrichtsinhalte unter Anleitung der Lehrkraft selbst zu erschließen und in der Gruppenarbeit oder im Unterrichtsgespräch selbst gegenseitig zu erklären. Zum Beispiel entstanden auch Unterrichtsmethoden eigenverantwortlichen Lernens, bei denen Schülerinnen und Schüler in Gruppenarbeit, Partner- oder Einzelarbeit Lernstationen bearbeiten oder auch das Konzept des „Lernens durch Lehren“, wonach die Schülerinnen und Schüler Unterrichtsinhalte vorbereiten, um sie dann einzelnen Gruppen oder der ganzen Klasse zu vermitteln.

Dann kam der Pisa-Schock von 2001
Es stellte sich im Jahr 2001 heraus, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler bei internationalen standardisierten Vergleichstests, bei denen gezielt bestimmte Kompetenzen getestet worden sind, im statistischen Mittel ausgesprochen und unerwartet schlecht abgeschnitten hatten. Das galt genauso für sprachliche Kompetenzen wie auch für die Fähigkeiten, die notwendig sind, um mathematische oder naturwissenschaftliche Aufgabenstellungen zu bewältigen.
Seither sind als Konsequenz daraus alle Bildungs- und Lehrpläne standardisiert worden. Die neuen Lehrpläne definieren jetzt genau formulierte Kompetenzen, die stufenweise im Verlauf der Schulzeit mit den Schülerinnen und Schülern zu trainieren sind. Bei der Entwicklung des Konzepts von standardisierbaren und trainierbaren Kompetenzen spielten die Forschungen zur Lerntheorie von John Hattie und Klaus Zierer eine wichtige Rolle. Sie entwickelten das Konzept des „Visible Learning“, nach dem der Lernerfolg größer wird, wenn das Lernen für die Lernenden genauso wie für die Lehrenden „sichtbar“ wird, das heißt, wenn die am Lernprozess beteiligten Personen ein Bewusstsein dafür entwickeln, was genau schon erreicht ist und was noch gelernt werden muss. Zum Kompetenztraining gehört daher das ständige Testen genauso wie die sogenannte „Autoevaluation“, die Selbstbeurteilung, bei der die Schülerinnen und Schüler für sich selbst schriftlich festhalten, was sie schon gelernt haben und welche Defizite bei ihnen noch vorhanden sind. Wenn es um das Lösen der standardisierten Pisa-Tests geht, ist dies sicher ein erfolgversprechender Ansatz. Die Frage ist, welcher Bildungsbegriff ihm zugrunde liegt. Auch wenn dieses „mechanisch“ anmutende Lernkonzept, bei dem es um sehr eingegrenzte und eng beschränkt wirkende Zielsetzungen geht, auf heftige Kritik vor allem von Didaktikern stieß, erschienen deren an humanistischen und konstruktivistischen Bildungsvorstellungen orientierte Einwände für viele nicht allzu überzeugend. Ging es doch bei dem Training der Kompetenzen darum, die Kinder auf die wirklichen Anforderungen der Berufswelt und des praktischen Lebens vorzubereiten, wo es ja darum gehen muss, Texte wirklich lesen, verstehen und schreiben zu können. Es ist ja auch wirklich wichtig, dass man Fremdsprachen verstehen, schreiben und sprechen kann und dass man in vielen Berufen auch in der Lage sein muss, mathematische und andere Probleme selbstständig bearbeiten und auch lösen zu können. Bildung hat aus der Perspektive der Wirtschaft einen enormen ökonomischen Nutzen, vor allem dann, wenn es möglich ist, bestimmte Kompetenzen gezielt abzurufen und ökonomisch effizient einzusetzen. Und am Ende ging es ja auch darum, sich international beim nächsten Pisa-Test nicht so furchtbar zu blamieren wie beim Pisa-Schock 2001. Wer könnte gegen all das etwas Vernünftiges einzuwenden haben? Gäbe es da nicht den erneuten Pisa-Schock vom Dezember 2023. Die schulischen Ergebnisse aus Deutschland sind nun in der neuen Studie tatsächlich noch einmal schlechter als 2001, was allerdings teilweise auch Corona geschuldet ist.

Dann kam im Jahr 2023 ChatGPT.
Die digitale Bildung war über lange Zeit nach dem "Pisa-Schock" in der Schule in Ermangelung von Computern bzw. Laptops oder Tablets für alle Schülerinnen und Schüler eher stiefmütterlich behandelt worden. Das Internet eröffnete viele Zugänge zu Bildungsinhalten, die von interessierten Schülerinnen und Schülern in der Schule und zu Hause auch fleißig genutzt wurden. Die Computerräume des SGL boten einen Platz, wo Computer auch im regulären Unterricht eingesetzt werden konnten. Aber die Nutzung des Internets wurde von Anfang an nicht nur positiv gewertet. Computer sind zweifellos effiziente Werkzeuge beim Schreiben und bei der Arbeitsorganisation, die es in der Anfangsphase der Verbreitung des „Personal Computers“ in den achtziger und neunziger Jahren während des Studiums zum Beispiel möglich machten, ein davor nicht vorstellbares Lern- und Arbeitspensum in einem ausgesprochen übersichtlichen Zeitrahmen sehr effizient zu bewältigen. Allerdings galt dies nur so lange, wie es kein Internet gab, denn dies bietet so viele Ablenkungen und Zerstreuungen, dass effizientes Arbeiten dadurch erheblich erschwert werden kann. Der Umgang mit der Technik und den neuen Arbeitsmethoden muss gelernt werden, vor allem aber auch die richtige Nutzung des Computers ohne das Internet, wozi in der Schule ja eigentlich auch Zeit wäre, da sowieso viel geschrieben und erarbeitet werden muss.
Kindern hilft dagegen der Zugang zum Internet beim Lernen nur sehr bedingt. Soziale Netzwerke machen zum Beispiel süchtig und können ihren Nutzern in vielerlei Hinsicht erheblich schaden. Für Kinder bedeutet der Zugang zu Computern auch den Zugang zu Computerspielen, was zusammen mit dem Besitz einer Spielkonsole heute eine enorme Benachteiligung von Kindern, insbesondere von Jungen, in Hinsicht auf ihre Bildungschancen darstellt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Spiele aus ökonomischen Gründen so programmiert sind, dass sie süchtig machen und daran, dass hier sehr nachdrücklich und unreflektiert Verhaltensweisen und Rollenvorstellungen vermittelt werden, die den in der Schule angestrebten Bildungsprozessen entgegenlaufen, sie behindern bzw. sie auf schädliche Weise beeinflussen können.
In der Pandemie erwiesen sich die Computer und das Internet dagegen am Ende trotz aller negativen Aspekte schließlich doch als großer Rettungsanker des Bildungssystems. Mithilfe einer provisorisch eingerichteten Lernplattform und Video- bzw. Audiounterricht war die Beteiligung am Unterricht auch während der Schulschließungen am SGL allen Kindern weiter möglich. Es zeigte sich eindringlich, dass eine bessere digitale Ausstattung und Bildung im Vorfeld der Pandemie am Ende trotz aller Bedenken wichtig gewesen wäre.
ChatGPT stellt 2023 nun eine ähnliche Zäsur dar wie der Pisa-Schock 2001. Der ChatGPT-Schock, zu dem Ende 2023 noch die neue für Deutschland vernichtende Pisa-Studie gekommen ist, besteht nun darin, dass die Lerntheorie, die den aktuell gültigen Lehrplänen zugrunde liegt, dem „Lernkonzept“, auf dem ChatGPT beruht, verblüffend ähnelt. Denn das, was die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz des „Large Language Models“ ChatGPT so beschleunigt hat, das „Reinforcement Learning with Human Feedback“, ein „durch Menschen bestärktes Lernen“ entspricht in erstaunlicher Weise dem von den aktuellen Lehrplänen geforderten Trainieren von standardisierten Kompetenzen. Auf der Seite FAZ+ vom 7.5.2023 schrieb Mark Siemons: „Man muss „Reinforcement Learning“ nur als bestärkendes Lernen übersetzen und „Modell“ gegen „Schüler/Schülerin“ austauschen, dann hat man eine Darstellung des Lernprozesses, wie sie in gegenwärtigen Schulprogrammen stehen könnte.“ Die Standardisierung der Kompetenzen in den neuen Lehrplänen findet ihre Entsprechung beispielsweise im maschinellen Lernen von reproduzierbaren sprachlichen Mustern, deren richtige Verwendung durch die Modellierung von im Internet vorliegenden Texten und medialen Inhalten durch die KI immer weiter trainiert und verbessert wird. Dies ist sicher kein Zufall, sondern die Fortschritte in der Theorie des Lernens und in der Entwicklung einer lernfähigen KI haben sich sicher gegenseitig in fruchtbarer Weise befördert. Es entstanden in beiden Bereichen Konzepte von standardisierbarem Lernen, bei den Kindern als Kompetenzorientierung, bei der KI als mathematische Modellierung des statistischen Vorkommens von Wörtern.
Die Standardisierung der Kompetenzen in den Lehrplänen wird nun vor allem in Hinsicht auf die Berufstauglichkeit der Schülerinnen und Schüler mit wirtschaftlichen Argumenten begründet. Das könnte für zukünftige Schulabgänger ebenso ungewollte wie tragische Konsequenzen haben: „Würde sich herausstellen, dass die genormten Kompetenzen, auf die das jetzige Bildungssystem hinausläuft, von Computern viel besser und vollständiger erbracht werden können als von den auf sie hin konditionierten Schulabgängern, würde dessen bisher so fraglos hingenommene ökonomische Rechtfertigung in sich zusammenfallen. Dann würde der Unterricht in Wirklichkeit ja gar nicht auf den Wettbewerb vorbereiten, sondern bloß auf die Arbeitslosigkeit. ChatGPT wirft also zum ersten Mal seit Langem die Frage wieder auf, was überhaupt der Gegenstand der schulischen Bildung sein soll. Was für ein Wissen wird gebraucht, um nicht von den Maschinen dominiert und ins Abseits gestellt zu werden, sondern um sie sich im Gegenteil dienstbar machen zu können?“ (Mark Siemons, FAZ+ vom 5.7.23)
In Zukunft darf die Bildung also nicht darauf hinauslaufen, eine „maschinenkompatible“ Pseudo-Bildung zu „trainieren“, die Schüler wie Maschinen konditioniert, was eine skurrile, absurde und entmenschlichte Form „digitaler Bildung“ wäre.
Für das Abitur haben die kompetenzortientierten Aufgabenformate immerhin den Vorteil, dass sie weniger Wissen voraussetzen, die Abiturientinnen und Abiturienten im Vorfeld der Abiturprüfungen also weniger lernen müssen. Der Wintertermin des Abiturs im Januar (wegen des in Rheinland-Pfalz verkürzten 13. Schuljahrs) lässt den Schülerinnen und Schülern sowieso wenig Zeit zum Lernen. Es ist aber fraglich, ob es in Hinsicht auf Bildung wirklich ein Vorteil ist, wenn vor einer so wichtigen Prüfung, insbesondere in den Fremdsprachen, nichts oder oder wenig Konkretes gelernt werden muss und es alleine auf im Verlauf der Oberstufe trainierte Kompetenzen ankommen soll, die zudem auch noch maschinell von einer KI genauso und mit vergleichbaren oder im Verhältnis zum Durchschnitt sogar durchgängig besseren Ergebnissen bewältigt werden können. ChatGPT gelingt es sowieso problemlos, Klassen- und Kursarbeitsaufgaben sowie schriftliche Abituraufgaben überzeugend zu lösen, zumal deren kompetenzorientierte Formulierung und Gestaltung der Künstlichen Intelligenz die Lösung der Aufgaben noch besonders erleichtert.
Wenn die Abituraufgaben so gestellt werden, dass die KI sie lösen kann, verändert das erheblich die Bedeutung und den Wert des Abiturs. Wenn sich die KI so wie bisher weiterentwickelt, immerhin gibt es sie in dieser schon jetzt beeindruckenden Version erst seit einem Jahr, könnte aus dem Abitur wieder das werden, was es im 19. Jahrhundert schon einmal war, eine bloß formale Legitimation von ererbten sozialen Geltungsansprüchen, während der Großteil der Arbeitsplätze von der KI und von Robotern ausgefüllt würden. Ohne Arbeit würden viele Menschen dann verelenden und hätten keinen Zugang mehr zu höherer Bildung. Die in Gymnasien erworbenen Fähigkeiten würden dann nur noch wegen des mit ihnen verbundenen sozialen Prestiges angestrebt wie die klassische altsprachliche Bildung im 19. Jahrhundert. Der Lebensweg und die soziale Stellung der Kinder wären wieder weitgehend bereits durch die Herkunft vorgezeichnet. Dies wäre wie damals schon für die Demokratie, die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Lebensperspektiven zukünftiger Generationen verheerend. Es würde außerdem den tatsächlich ja vorhandenen, über standardisierte und trainierbare Kompetenzen weit hinausgehenden, vielfältigen Talenten und Fähigkeiten nicht gerecht, die ja auch die diesjährigen Abiturientinnen und Abiturienten des SGL auszeichnen. Kompetenzorientierte Aufgaben erlauben es in erster Linie, vorgegebene Standardkometenzen abzuprüfen, was den Abiturientinnen und Abiturienten schon jetzt Möglichkeiten nimmt, um zu zeigen, was ihre individuellen Fähigkeiten sind. Durch die mit der Kompetenzorientierung verbundenen Standardisierung und ohne wirkliche Bildung würden diese verkümmern.
Wirkliche Bildung ist nämlich etwas ganz Anderes als Kompetenztraining: Bildung muss in Zukunft in der Tradition der Aufklärung weiter Menschlichkeit vermitteln, die Fähigkeit zu Mitgefühl und zur Kooperation, die Neugier auf Neues, Unbekanntes und Unverstandes, das Aushalten von Nichtwissen und von Ambiguität, das heißt von Uneindeutigkeit und von Komplexität und dadurch die Förderung von Kreativität und Erfindergeist.
Menschen sind in der Lage, sich zu entwickeln, gerade in der Auseinandersetzung mit Fragen und Problemen, die sie zunächst nicht verstehen oder bewältigen können. Bildung bedeutet insoweit die Fähigkeit, sich in der Auseinandersetzung mit den Menschen und der Welt zu ändern und zwar vollkommen, was eine KI niemals kann. Aus einem Baby kann eine Chefärztin bzw. ein Chefarzt oder eine fähige Handwerkerin bzw. ein fähiger Handwerker werden. Die Bildungsprozesse, die hierfür jeweils nötig sind, sind so komplex, dass niemand sie verstehen oder steuern könnte. Man kann Menschen dabei nicht „von außen“ verändern, das müssen sie selbst tun. Dazu ist Freiheit notwendig und die Achtung des Rechts auf Selbstbestimmung. Alleine die berufliche Ausbildung reicht hier nicht aus, zur Bildung gehört ganz wesentlich die Entwicklung der Persönlichkeit, des Charakters und die Fähigkeit zu selbstständigem Denken und Urteilen. Die Schule muss die Voraussetzungen dafür schafften, dass dabei jeder seine je eigenen ganz unterschiedlichen Talente und Fähigkeiten entwickeln kann. Dafür wird die Schule sich auch immer weiter verändern müssen, die Notwendigkeit zur Veränderung gilt für die Institution Schule genauso wie für die Menschen.
Wenn es in diesem Sinn gelingt, die Schule auch in Zukunft menschlich zu gestalten, wird keine KI die Menschen ersetzen können. Es gilt dann immer noch, was die großen Denker zur Bildung gesagt haben, allen voran Jean-Jacques Rousseau: „Der Beruf des Menschen ist es, Mensch zu sein.“
In Hinsicht auf die Bildung und die Gestaltung von Schulen stehen aktuell also sehr wichtige und dringende Richtungsentscheidungen an, von denen auch abhängt, ob wir weiter in einer menschlichen und zivilisierten Welt leben können. Es ist zu hoffen, dass das Sickingen-Gymnasium auch in Zukunft eine so menschliche Schule mit einer durch und durch zivilisierten Schulgemeinschaft bleiben wird, wie sie es zumindest in den letzten Jahrzehnten ihrer Geschichte gewesen ist.